Martin Dammann
Kein schöner Land
18 March – 20 April 2017

 

Opening: Friday, 17 March, 6–9 pm

 

Die Galerie Barbara Thumm freut sich unter dem Titel „Kein schöner Land“ die nunmehr siebte Einzelausstellung des Künstlers Martin Dammann (*1965 Friedrichshafen / Bodensee) zu präsentieren.

„Auf weißem Grund“ sind verschiedene Menschen sitzend oder stehend um die Veranda eines Holzhauses gruppiert, offenbar für ein Foto posierend. Doch die Gruppe erscheint fragmentarisch und lückenhaft. Einige dunkelhäutige Personen sind deutlich erkennbar, andere – die europäischen Besitzer des Hauses – scheinen im weißen Bildgrund zu verschwinden.

Zugrunde liegt, wie auch bei den anderen Bildern, eine historische Fotovorlage, die Martin Dammann im Rahmen seiner Recherchetätigkeit für das Archive of Modern Conflict in London entdeckt hat. Die malerische Umsetzung der Vorlagen erfolgt also keineswegs in einem „fotografischen“ Stil. Die flüssige Farbe kann oft frei fließen und das Bildmotiv dahinter bis zur Unkenntlichkeit zurücktreten. Teile der Bildfläche bleiben fast immer frei und Vorzeichnungen sind teilweise sichtbar. 

Den Bildern in der Ausstellung „Kein schöner Land“ liegen meist private Aufnahmen aus der deutschen oder britischen Kolonialzeit in Afrika zugrunde. Darunter sind auch Fotos, auf denen „Eingeborene“ auf eine heute nicht mehr denkbare Weise voyeuristisch zur Schau gestellt werden. So sehen wir eine Reihe nebeneinander stehender, weitgehend unbekleideter schwarzer Frauen. Auch wenn die Personen deutlich erkennbar sind, schiebt sich die Malerei wie ein Filter davor, rückt und schirmt sie ab von einem ihnen zu sehr auf den Leib rückenden Blick. Dennoch sind die Menschen präsent, ebenso wie die ihnen auf den Leib geschriebenen, wie eintätowiert wirkenden Buchstaben des Wortes „Greetings“.

Martin Dammann widmet sich oft gesellschaftlich problematischen Themen, seine Bilder suchen nach Alternativen zu unseren Klischees und Denkroutinen. Statt nur altbekannte Kritik an dem kolonialen Blick zu üben, der auf vielen der Fotografien erkennbar ist, nutzt er die Vielfalt seiner Farbpalette, um nicht nur malerisch zu differenzieren. So wie die stets in Aquarelltechnik auf Papier oder Hartfaserplatten aufgetragenen Farben ineinander verlaufen und sich mischen, konzentriert sich Dammanns´ Malerei auf Motive, in denen sich der Einfluss der europäischen in der afrikanischen Kultur widerspiegelt – und umgekehrt. Wenn sich Menschen in Afrika zu einem „Kaffeekränzchen“ versammeln, wirkt das wie eine merkwürdige Mimikry an den Lebensstil der Kolonialmächte. Der „Verschwinder“ ist offenbar ein Weißer, der sich wie ein Stammeshäuptling kostümiert hat.  Und wie eine surreale Szenerie wirkt das Bild „Masonic Dress“, auf dem ein Afrikaner als Freimaurer gekleidet in der Landschaft steht.  Die Vorlagen, denen Dammann sich malerisch annähert, sind historisch, doch sein Umgang mit ihnen ist von unmittelbarer Aktualität. Durch die zeichnerische und malerische „Übertragung“ wird das Motiv zwar nicht der Erkennbarkeit entzogen, doch durch die Vielfalt der Farbnuancen das Ambivalente und Vieldeutige betont. Auch die von Dammann gewählten formalen Mittel stellen einen Einspruch gegen ein einseitiges, auch rassistisches Schwarzweiss-Denken dar. Dieses ist, wie essentialistische  und fundamentalistische Denkweisen überhaupt, wieder auf dem Vormarsch. Da sind auch künstlerische Mittel gefragt, um simple Dualismen durch Bilder der Vielfalt aufzulösen. Das beginnt damit, dass Farben ineinander verlaufen.

 

Text: Ludwig Seyfarth

Martin Dammann
"Greetings", 2016 / 2017
Gallery archive no.: MDa-16-024
Watercolour, pencil on paper
178 x 290 cm